Gewalt schafft Gegengewalt

US Forscher haben wiedermal die tats√§chliche Wirkung von Gewaltvideos untersucht und wollen mit 22 Probanden zwischen 14 und 17 Jahren nachgewiesen haben, dass „Andauernder Konsum von Gewaltvideos k√∂nnte Heranwachsende weniger empfindlich gegen√ľber realer Gewalt machen. Was zu einer h√∂heren Akzeptanz von Gewalt f√ľhren k√∂nnte und schlie√ülich zu einer steigenden Wahrscheinlichkeit, selbst aggressiv gewaltt√§tig zu handeln – n√§mlich weil die emotionale Reaktion auf Gewalt, die normalerweise als nat√ľrliche Bremse wirkt, in diesem Fall ged√§mpft ist.“

√úber die Erhebungsmethoden kann man sich nat√ľrlich streiten und die These wurde bereits in √ľber 5000 Studien untersucht und noch immer wird die selbe Suppe wie vor 30 Jahren aufgew√§rmt. (Hier ein Auszug aus der Medienforschung zum Thema Gewalt)

Theunert (1996, S. 33) fasst das Dilemma der Gewaltwirkungsforschung mit der Aussage zusammen, dass gewalttätige Darstellungen in den Medien anscheinend in drei Richtungen wirken:

„Einmal sollen (…) [sie] wirken, indem sie dem Zuschauer die Abreaktion seines aggressiven Triebpotentials erm√∂glichen (…); dann wieder sollen sie gegenteilig wirken, indem sie dem Zuschauer Lernmodelle f√ľr aggressives Verhalten anbieten und somit zu einer Steigerung realer Gewaltt√§tigkeiten beitragen; und schlie√ülich sollen sie gar nicht wirken, sondern bedeutungslos f√ľr Ausma√ü und Auspr√§gung realer Gewaltt√§tigkeit sein. Eins ist jeweils mit dem anderen unvereinbar“.

Die Kernaussage ist also, wenn man nur lange genug einer Sache ausgesetzt ist, dann macht man sie sich zu eigen oder nimmt sie erst garnicht mehr wahr und wird somit abgestumpft. Es ist zum Beispiel eine wunderbare Erkl√§rung daf√ľr, warum die Bev√∂lkerung seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Parteien in unterschiedlicher Zusammensetzung w√§hlt, warum sie nicht mit der Wimper zuckt, wenn ihre S√∂hne in den Krieg ziehen, wenn ihr Verm√∂gen aus dem Fenster geschmissen wird, warum sie sich mit Begeisterung von den Medien verbl√∂den und von den Staatsorganen verarschen lassen. Wieso kriegt dann in der westlichen Welt √ľberhaupt noch jemand einen St√§nder? Schlie√ülich sind wir seit Jahrzehnten in Film und Fernsehen hochgradig dem Sex ausgesetzt. Fast 80% des Internets sind voll mit Sex und sexuellen Darstellungen, von Schei√üe fressen bis hin zu Praktiken mit Tieren. Somit m√ľssten wir eigentlich so abgestumpft sein, dass wir Sex garnicht mehr wahrnehmen.

Jedenfalls ist der Desensibilisierungseffekt, im Volksmund „Abstumpfung“, dank der Habitulisierungsthese schon l√§nger nachgewiesen. Was die Studie √ľber Gewaltdarstellungen aussagt, auch wenn ich die Wenn-Dann-Aussage – „wenn h√§ufig Gewaltdarstellungen konsumiert werden, dann wird auch h√§ufiger Aggression aufgebaut und folgerichtig ausgelebt“ – f√ľr einen Kurzschluss halte, ist es doch sehr am√ľsant, aber zugleich erschreckend, wie jeder Zusammenhang zwischen „Gewaltkonsum“ und Einstellung zu realer Gewalt geleugnet wird. Es sollte doch jedem klar sein, dass wir anhand der Massenmedien in ein Muster konditioniert werden.

Wie steht es aber z.B. mit der Empathie der „Gewaltgew√∂hnten“ gegen√ľber Opfern von realer Gewalt? Wie ist z.B. zu erkl√§ren, dass bei Schulhofschl√§gereien immer mehr Mitsch√ľler das Handy z√ľcken, filmen und fotografieren, aber keinesfalls eingreifen, auch wenn Unterlegenheit und Verletzungsgef√§hrdung offensichtlich sind? Ist das noch vergleichbar mit dem fr√ľher bekannten Anfeuern des Favoriten? Ist weiterhin nicht tats√§chlich zu beobachten, dass Schl√§gereien deutlich h√§ufiger schwerere K√∂rperverletzungen als blaue Augen oder Nasenbluten zur Folge haben? Ist das Treten mit den F√ľ√üen gegen einen am Boden liegenden Gegner tats√§chlich auch schon vor dem Zeitalter des massenhaften Medienkonsums so verbreitet gewesen wie heute? Wie ist die immense Gewaltbereitschaft von M√§dchen zu erkl√§ren? „Derjenige ist cool, der am krassesten jemand fertig gemacht hat!“ Wer jetzt mit UgaUga Menschen, Mittelalter und alten Rom ankommt und meint es war schon immer so, sollte mal die Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht au√üen vor lassen…oder haben wir nie etwas dazugelernt?

Wie steht es zum Beispiel mit der psychischen Balance der Menschen die medial an Gewalt gewöhnt sind? Warum soll der massenhafte Konsum von Gewalt keine Auswirkung auf das Selbstbild und das Bild vom anderen Menschen haben? Was ist es exemplarisch gesehen, wenn die Gewaltgewöhnung mit diskriminierenden Ideologemen im Gehirn zusammentrifft? Wie wird dann der gegnerische Fußballfan, der Konkurrent in der Schule oder am Arbeitsplatz, der vermeintlich nicht Dazugehörige (z.B. Ausländer, politischer Gegner usw.) betrachtet? Welches Lebensrecht wird ihm dann noch zugestanden und wie und mit welchen Werten wird es kognitiv ins Unterbewusstsein eingeprägt?

Wie steht es mit der Wahrnehmung nicht gewaltt√§tiger Erscheinungen? Gelten diese dann nicht vielleicht schon als langweilig? Werden also durch exzessiven „Gewaltkonsum“ m√∂glicherweise andere, lebensfreundlichere Aspekte in den Hintergrund gedr√§ngt? Reicht da der h√§ufig zu angeprangerte Hinweis auf fehlende Aggressivit√§t unmittelbar nach Splatterfilmkonsum oder nach einer LAN-Party mit Gewaltspielen aus, um jeden Zusammenhang von „Gewaltkonsum“ und Menschenbild sowie Wahrnehmungskultur abzuwehren?

Ich f√ľrchte, ein Gro√üteil ist tats√§chlich bereits so s√ľchtig und auch abgestumpft und bestehen auf die Dosis der „Faszination Gewaltzufuhr“ und w√ľrden sich solche Fragen √ľberhaupt nicht stellen. Stumpf ist mittlerweile Trumpf, die hauptsache ist, es unterh√§lt und lenkt ab. Ist Gewalt ein Faszinationstrieb des Menschen?

Warum wirkt mittlerweilen nichtgesehene Gewalt st√§rker als gesehene Gewalt? Ein Beispiel hierf√ľr w√§re der Film „Funny Games“ von Michael Hanecke. Hier wird keine direkte Gewalt gezeigt, sondern nur angedeutet. Der Zuschauer erahnt die Gewalt und gerade weil er sie erahnt und sich vorstellen muss, wird hier das grausigste Szenario ausgemalt, was die Vorstellungskraft hergibt. Ein tolles Beispiel sich selbst zu ergr√ľnden und in welchem Masse man schon konditioniert ist.

Man solle sich die Fragen stellen: Warum ist √ľberhaupt die Faszination von Gewalt in der Bev√∂lkerungng so verbreitet? Wer verbreitet Sie und zu welchem Zweck? Schuldzuweisungen lasse ich mal lieber sein, da soll sich jeder mal zu Medienmogulen belesen…

Man kann dieses Thema Gewaltkonsum nicht pauschalisieren, da sich Risikogruppen und Faktoren zur Erkl√§rung von Aggression, mit problematischer famili√§rer Situation und psychopathologische Defizite erkl√§ren lassen, da dies wichtige Determinanten der Gewaltbereitschaft darstellen. Auch die Erziehung des Menschen ist ein grundlegender Pfeiler, wie man mit Gewalt umgeht. Manche lernen vom Elternhaus keine andere L√∂sungsmethode au√üer auf die Fresse zu hauen. Auch allgemeine Unzufriedenheit mit der eigenen und der umgebenen Situation sch√ľrrt Aggression. Aggression wird als Risiko und Grundlage von Gewalt betrachtet, ergo wenn eine Person viele Risikofaktoren auf sich vereint, dann ist sie gef√§hrdeter als Andere und tendiert eher zur Gewalt.

Demnach zeiht man verschiedene Theorien zur Entstehung von Aggression und Wirkung von Gewalt heran:

Die Social Learning Theory von Bandura, welche im Großen und Ganzen die Erziehung des Individuum und die nachgeahmte Gewalt von Kindern beschreibt. (siehe Bandura Experiment).

Die Arousel Theorie (z.B. Tannenbaum & Zillmann, 1975), die eine grundlegend gesteigerte Erregung mit gesteigerter Handlungsbereitschaft verbindet. Eine Erregung entsteht durch physiologische Aspekte oder externe Einwirkungen. (z.Bsp.: physiologische innere Attribute oder Provokation von anderen Personen) Darauf folgt ein erhöhter Puls etc. und somit eine höhere Handlungsbereitschaft. (hierbei wird eine gewaltfördernde Wirkung der medialen Inhalte durch Gewöhnung angenommen und geht statisch von einer erhöhten Handlungsbereitschaft aus)

Der Karthasis Theorie zufolge, kann aufgestaute Aggression durch Beobachtung von Gewalt abgebaut werden. Studien zufolge ist diese Theorie popul√§rer Irrglaube, wurde aber bislang nicht f√ľr Computerspiele getestet. Durch die Beobachtung oder Ausf√ľhrung von Gewalt kann kurzfristig „Dampf abgelassen“ werden, dabei wird zugleich Gewalt erlernt und aggressive Gedanken im Kopf besser verankert, wodurch die Gewaltbereitschaft insgesamt erhalten bleibt oder sogar gef√∂rdert wird.

Das Priming-Paradigma folgt der Annahme das bestimmte Stimuli, Schemata oder Handlungsscripte aktivieren. Die Auftrittswahrscheinlichkeit von diesem Schema oder Script entspricht der H√§ufigkeit der hervorgerufenen Verhaltensweise. Bei gewalthaltigen Computerspielen k√∂nnte das bedeuten, dass ein gewalthaltiges Spiel als Schl√ľsselreiz fungieren kann, durch den Schemata mit aggressiven Vorstellungen oder Handlungsmustern aktiviert werden und so die Wahrscheinlichkeit steigt, diese Handlungsmuster auch praktisch umzusetzen.

Das GAAM РModell versucht, die zuvor formulierte Erklärungsansätze zur Entstehung von Aggression zu vereinen. Dabei unterscheidet es kurz- und langfristige Wirkungen der Nutzung.

Norbert Elias hat mit seinem Zivilisationsprozess eine Grundlage f√ľr den Wandel der westlichen Gesellschaft und Sozialstruktur unternommen. Wenn man schon so eine obengenannte Studie macht, sollte man die Thematik ‚ÄöGewalt als Medienprozess‚Äô von verschiedenen Seiten beleuchteten. Zum Beispiel das Verh√§ltnis des Rezipienten zum TV, Kommunikationsstrukturen, psychische Prozesse, physische Prozesse, soziale oder situative Prozesse und nicht zuletzt historische Abl√§ufe. In der Quintessenz bedeutet dies, dass das Individuum in seiner Faszination an der medial √ľbermittelten Gewalt nicht isoliert betrachtet werden kann.

Das Schaulustigen-Syndrom ist eine herrliche Herangehensweise. Man kann einfach nicht wegsehen. Es gibt ja auch den Ausdruck „Sch√∂nheit der Gewalt“. Zus√§tzlich zu den schon ge√§u√üerten Gr√ľnden gibt es diese Art Wollust, z.B. ein gro√ües Feuer zu bestaunen, eine riesige Flutwelle, einen Vulkanausbruch, die Explosion gro√üer Geb√§ude usw. Denn nicht alle Menschen ziehen eine Grenze zwischen dieser Faszination und dem Bewusstsein. Das Ziehen dieser Grenze ist ein bewusster Willensakt, zu dem man bereit und f√§hig sein muss. Es ist ein Urtrieb, welche die Medien gekonnt ausnutzen. Man muss differenzieren lernen und auch wenn man einen Rambofilm, ein Splattermovie oder einfach nur Sex and the City sieht, solle man sich im Hinterkopf bewusst sein, dass immer spezifische Werte ins Unterbewusstsein √ľbernommen werden, sobald man den Film mit positiven Aspekten verbindet.

Ein weiteres Beispiel was dies veranschaulicht, ist das vieldiskutierte „Milgram Experiment“ (dazu ein preisgekr√∂nter Kurzfilm). Interessant an dem Experiment ist, unter welche Bedingungen Menschen ihre normalen moralischen Hemmungen √ľberwinden und andere f√ľr irgendeinen vermeintlich guten Zweck qu√§len denn das B√∂se steckt im System. Das Experiment auf einer virtuellen Basis ausprobiert: Ergebnis – „Das Qu√§len von virtuellen Personen wird als real empfunden“.

Sein sie mal ehrlich! Ist der Fernseher ein gutes Vorbild? Denn „children do, what they see“

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