Film & Fernsehen und das menschliche Denken

tv2Heinz Buddemeier (Medienwissenschaftler) beschreibt in seinem Buch „Illusion und Manipulation – die Wirkung von Film und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft“ eine höchst interessante Theorie. Grundlegend ist zu sagen, dass die filmerischen Bilder sich aus der Bewegung der abbildenener Bilder, die Bewegung schaffende Bilder und die erzählende Bilder zusammensetzen. Dies trägt dazu bei, dass die Eigenaktivität des Zuschauers größtenteils verdrängt wird.

Die Bewegung der abbildenen Bildern erschafft psychologischen Zwang, die Bewegung schaffende Bilder spiegelt die Aktivität des Kameramanns wieder und die erzählenden Bilder greifen auf geistig- seelische Mechanismen des Menschen ein. Die so geschaffene Passivität des Zuschauers ruft ein Bewusstseinszustand hervor, der so im alltäglichen Lebens eines Menschen überhaupt nicht vorkommt.

Schließen Sie jetzt mal die Augen und stellen sich vor Sie laufen über einen großen Platz, mit vielen Menschen und vielen schönen Gebäuden. Man bemerkt, dass sich die Augen, gemäß der Vorstellung des über den Platz schlenderns, mitbewegen. Dies ist auch beim Schlafen beobachtbar, da in einem Traum der Augenmuskel niemals stillsteht. Beim Betrachten von Filmen und noch intensiver beim Fernsehen, wo der Bildschirm sehr klein ist, sind die Augen vorzugsmäßig in einer Ruhestellung. In Augenkliniken wurden früher, nach Operationen, den Patienten die Augen verbunden, da der Arzt möchte, dass die Augenmuskeln nicht bewegt werden. Aufgrund dieser Tätigkeit der Augenmuskeln beim Träumen und dem Fantasieren, lässt man Operierte heutzutage vorzugsweise fernsehen.

Charakteristisch für die Beeinflussung der menschlichen Denkweise durch Film und Fernsehen ist die Zurückweisung von Verstehungsbemühungen, in ein sich auf dem Bildstrom Treiben-Lassens und die Auflösung des Gezeigten durch sich selbst. Diese Entfaltung ist hauptsächlich durch das schnelle und durch nichts zu beeinflussende Tempo der Bilderflut begründet.

Die Faszination für Kino und Fernsehen liegt in den intensiven Gefühlserlebnissen. Durch den erzeugten Schein der Wirklichkeit kann sich der Zuschauer miterlebend hineinversetzen oder auch Assoziaten aus seinen eigenen Leben auf den Film projezieren. Das momentane Fühlen drückt sich dann aber aufgrund der raschen Einstellungswechsel und der Inszenierung des Bildes eher mechanisch und oberflächlich aus. Man genießt die Gefühle die einen induziert werden, gleichwohl intensiv und manchmal schon sehr heftig, was aufgrund der schon fast perfekten Inszenierung der Wirklichkeit vorgetäuscht wird. Im realen Leben ist es so, dass wir uns einerseits mehr gefühlshaft unseren Erlebnissen hingeben, anderseits auch wieder mehr in Gedanken leben und diese mit Emotionen verbinden. Diese Wechselwirkung schafft, anders wie im Film, in Hinblick auf das Fühlen eher eine Distanz und Beruhigung. Indem der Film keine Zeit zur Besinnung lässt und
Willen und Denken schwächt, kann er den Betrachter auf einer gewaltigen Gefühlsorgie mitreißen, ohne mit Hilfe des Denkens für Augenblicke immer wieder daraus zu befreien.

So kann man beobachten, dass manche Leute sich nach dem Ansehen eines Kriminalfilms ins Bett verkriechen, nachdem Sie Fenster und Türen verschlossen, die Alarmanlage scharf gemacht und in alle Ecken des Hauses nachgesehen haben. Die Kunsttheorie spricht von ästhetischer Distanz – die bei aller Intensivität der Zuwendung nötig ist, wenn der Beobachter gegenüber dem Dargebotenen seine
Freiheit bewahren soll. Der Film ist aber in der Lage diese ästhetische Distanz zu zerstören.

Im Film wird häufig versucht zwischenmenschliche Beziehungen zum Protagonisten aufzubauen. Auch diese Emfpindung können einzigartige Dimensionen annehmen, die man vorher noch nie empfunden hat. Vergleicht man ein Theaterstück mit einen Film, hängen diese Fähigkeiten den Zuschauer auf zwischenmenschlicher Ebene zu erreichen, von der Leistung der Schauspieler ab. Kulissen, Kostüme, Beleuchtung etc.
haben zwar auch Bedeutung, entscheidend ist aber die seelische Gestimmtheit, die der Schauspieler zum Ausdruck bringt. Es ist das reale Emfpinden der eigenen Kamera, des menschlichen Auges, und das seelisch Immaterielle zwischen Bühne und Zuschauer, was hin und her geht. Die Kamera hingegen, kann von diesen komplexen Zusammenhängen nur die optisch-materielle Seite aufnehmen. Ein Film kann somit nur Gefühle auslösen – blos womit? Diese, durch den Film ausgelösten Gefühle, können nur mit Hervorrufen von Erinnerungen erreicht werden.

Beispielsweise erzählt der Film einen Augenblick aus dem Leben zweier Menschen. Der Betrachter wird diese Handlung zunächst verstehen. Wie und in welchen Ausmaß die dargestellte Szene gefühlshaft miterlebt und erfahren wird, hängt davon ab, welche Erinnerungen sie hervorruft und persönlich Erlebtes damit assoziiert wird. Der Betrachter wird mit äußeren Tatsachen konfrontiert, welche auch Gedanken übermitteln – bei den Gefühlen, kann der Film jedoch nur das, was beim Betrachter im Erfahrungsschatz enthalten ist, hervorlocken und aufwühlen, sogar Perspektiven ändern. Die Gefühle können bei aller Intensivität moralisch entkräftet oder verstärkt werden. Die Seele wird zum Schauplatz, auf dem sich Alles und Nichts abspielen kann, sofern es nur intensiv genug ist, um Ablenkung und Genuss zu bereiten.

Wenn der Film, unter weitgehender Abschaltung von Wille und Denken, ein intensives und unverbindliches Fühlen hervorruft, kann man von einer Art Trance sprechen. Sonst nur ein Privileg der Hypnotiseure, andere Menschen in den Zustand der Trance zu versetzen, geschiet dies heute öfter als man vermutet. Die Meinung, dass Trance ein abnormer Bewusstseinszustand ist, der nur durch einen massiven Eingriff erreicht werden kann, ist falsch. Milton H. Erickson, der durch die therapeutische Anwendung der Trance berühmt geworden ist, beschreibt Trance folgendermaßen:

„Aber Sie (die Menschen) sind angenehm überrascht, wenn sie sich entspannen und entdecken, dass Assoziationen , Empfindungen, Wahrnehmungen, Bewegungen und psychische Mechanismen, ganz von selbst vor sich gehen können. Dieser autonome Fluss des nichtgelenkten Erlebens ist eine einfache Weise, Trance zu definieren. Hypnotische Suggestion kommt ins Spiel, wenn die Direktion des Therapeuten einen bedeutenen Einfluss haben bei der Förderung des Ausdrucks dieses autonomen Flusses in die eine oder andere Richtung.“

Trance und hypnotische Suggestion sind therapeutische Mittel um die posthypnotischen Suggestion zu erreichen. Jemand der unter Verfolgungswahn leidet, wird in der Hypnose suggeriert, er würde nur noch auf wohlgesonnene Menschen treffen. Diese Suggestion bleibt auch nach der Hypnose erhalten und ist über den Zustand der Trance hinaus wirksam. J.H. Schulz, Begründer des autogenen Trainings, schreibt in seinem Buch „Hyonose-Technik“:

„In Bezug auf die posthypnotische Suggestion: Trotz der Unkenntnis der Versuchsperson setzen sich die in der Hypnose aktuellen Vorstellungen im Wachzustand durch, ja vielfach mit dem Gefühl des subjektiven Zwanges. Die Versuchsperson selbst pflegt dann die Ausführung der aufgetragenen Handlungen anders zu motivieren, da ihr die Kenntnis des Auftrages fehlt. Damit ist der Beginn einer Dissoziation der Psyche gegeben, in dem Sinne, dass bestimmte Vorstellungsgruppen sich ohne Kenntnis des Individuums selbst halten und durchsetzen. (neuestens über 5 Jahre hinweg)“

Die posthypnotische Suggestion setzt sich an die Stelle des Ichs und die von ihm ausgehenden Aktivitäten. Sie wirkt zwanghaft von außen und macht den Menschen unfrei. Man könnte kritisieren, audiovisuelle Medien enthielten keinerlei Suggestionen. Das ist jedoch ein Irrtum!

Jede Handlung enthält bewegende Momente, Wertevorstellungen und Wünsche. Jede Handlung zeigt Menschen, die einen bestimmten Lebenstil pflegen und in bestimmter Weise miteinander umgehen. Werden diese Dinge nun so gezeigt, dass sie dem Betrachter vorbildlich und erstrebenswert erscheinen, identifiziert er sich mit den handelnen Personen, dann wirken die von ihnen dargelegten Werte posthypnotisch auf den Betrachter ein. Audiovisuelle Medien können somit tief in die Moral und Psyche des Menschen eingreifen. Besonderes Augenmerk sollte hierbei auf das Kindesalter, der Persönlichkeitsfindung, liegen, denn hier scheint es am intensivsten. In Werbespots, politschen Sendungen und Nachrichten werden diese Mittel gezielt eingesetzt und nicht nur dort wirken genau diese Mechanismen. Während eines Films kann der menschliche Wille nicht eingreifen, das Denken wird mechanisch gedeutet und das Fühlen intensiviert und hin- und her-gerissen. Genau dieser Zustand wird durch einer stark reduzierten inneren Aktivität gleichzeitig als befriedigend empfunden.

Dieses Problem kristalisiert sich deutlich heraus, dass Film und Fernsehen nicht einem harmlosen Unterhaltungsbedürfnis dienen, sondern mitunter gezielt dazu benutzt werden, um unbewältigte Probleme zu entfliehen. Anstatt Angst und Resignation zu entfliehen, bietet Film und Fernsehen einen anderen Ausweg. Belastende Gefühle zu verdrängen und zu vergessen.

Beispielsweise wird man die eigene Angst am schnellsten los, wenn man sie durch eine künstliche erzeugte Angst überdeckt, die noch heftiger ist als die eigene, die einen selbst aber nicht betrifft und man sie daher sogar genießen kann. Deshalb ist auch verständlich, warum Kriminal- und Horrorfilme einen großen Anklang finden. Auch die Flucht aus der Angst vor der Realität, wird gern mit Fantasy-, Sciencefiction-, oder Trickfilmen bedient. Resultierend ist zu sagen, dass der Film die Probleme, indem er von ihnen ablenkt, zugleich verstärkt, da die anstrengungsfreie Fluchtmöglichkeit, die er bietet, die Menschen davon abbringt, die Schwierigkeiten, an denen sie leiden, anzupacken und sie unwillig zu machen scheint.

Lassen Sie sich ruhig weiter berieseln und schalten Sie ab, auch wenn Ihr Gehirn unterbewusst nicht abschalten kann.


Dazu unbedingt weiterlesen–>
Die Gleichgültigkeitsgeneration – Blog von Steven Black

In diesem Sinne – Videolinks 😀

Television dump
What Tv does to your brain
Nico über das schlechte Fernsehen
Die Wahrheit übers Fernsehen
Die Wahrheit über die Tagesschau
Mediokratie – Deutschland driftet ab
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