Fernsehkinder – Kinder und die Folgen des TV Konsums

Nach einer Erhebung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) sitzen bereits 20 Prozent der Einjährigen regelmäßig vor dem Bildschirm, von den Dreijährigen fast 90 Prozent.

Auf den negativen Einfluss des Mediums Fernsehen habe ich in dem Blog mehrfach hingewiesen. Jetzt sind wieder neue Studien evaluiert worden, die belegen, dass die bunt flimmernden Bilderfolgen den Orientierungssinn der Kleinkinder negativ beeinflussen. Ein grundlegender kognitiver Reflex, der die Sinne auf jede Veränderung in der Umgebung reagieren lässt, wird manipuliert und fehlgeleitet.

Meistens dreht sich die oft geführte Debatte um die Auswirkungen des Fernsehkonsum und dessen folgenden Veränderungen in der Psyche der Kinder. So stellt auch der Psychologe Dimitri Christakis aus einen Datensatz einer US-Langezeitstudie (National Longitudinal Survey of Youth) von 1300 Kinder schon 2004 fest:

„20 Prozent der Kinder, die im Alter von 1-3 täglich zwei Stunden Fernsehen durften, haben im Alter von sieben Jahren Probleme mit der Konzentration.“

Anschließend stellte er 2007 heraus, dass die Aufmerksamkeitsdefizite besonders groß bei denjenigen waren, die Cartoons geschaut hatten.
Die häufig beklagte mangelnde Fähigkeit, sich längere Zeit auf eine Sache konzentrieren zu können (neumodisch ADS/ADHS genannt) wird zumeist dem Fernseher angelastet. Die farbenfrohe Vielschichtigkeit von TV-Bildern und die schnelle Abfolge kontrastierender optischer Eindrücke, beispielsweise durch Schnitte, Animationen etc., wirken abwechslungsreich und unterhaltsam – auf dem Bildschirm ist eben „viel los“ und das fesselt (im wahrsten Sinne des Wortes).

Andere Tätigkeiten kommen da schlecht mit – zum Beispiel erfordert ein Buch zu lesen mehr geistige Eigenarbeit und damit mehr Konzentration als einen Film anzuschauen. Im Vergleich zum TV-Programm gerät „der Film im Kopf“ rasch zum Langweiler, besonders dann, wenn man das Umsetzen von Schrift in geistige Bilder nie richtig geübt hat. Das Kind suggeriert im Vergleich zum FLimmerkasten folgerichtig, es kommt nicht ständig ein neuer Impuls, also taugt Lesen nicht als sinnvolle Tätigkeit und ist anstrengend. Sobald Tätigkeiten ohne fremdbestimmten Impulswechsel anstehen, schalten Kinder heute immer öfter ab. Die Spanne der Konzentration sinkt unter eine Frist von wenigen Minuten und die Konzentration leidet ebenso stark. Innere Ruhe und Muße sterben aus. Die kindliche Welt muss also einem raschen, lebhaften und abwechslungsreichen Takt folgen? Wenn dann bei Erziehungsprozessen, zum Beispiel bei schulischen Thematiken, nicht nach ein paar Minuten ein sinnlich erfahrbarer Wechsel eintritt, stecken viele medial erzogene Kinder fest, werden unruhig und können sich nicht mehr konzentrieren.

Wie oft geschieht es, dass man einen Film schaut, der auf einem Buch aufbaut, dass man vorher gelesen hat und in den Spruch ausbricht: „Das hab ich mir aber ganz anders vorgestellt…!“ Trifft man jemanden, der den Vergleich desselben Buches und desselben Filmes genauso kommentiert, stellt man fest, dass der andere es sich noch anders vorgestellt hatte. Ja, das nennt man Fantasie und nicht vorgegebene Bilder. Wenn man einen Text liest, so rufen die kleinen schwarzen Buchstaben im Geist selbstproduzierte Bilder, Bildfolgen, Stimmungen und Gefühle hervor – man entwickelt ein eigenes inneres Abbild, welches je nach Individuum variiert. Beim Anschauen von Bildersequenzen im Fernsehen kommt hingegen nur eine einzige Ausgestaltung zum Tragen, die Vorgegebene und die Fantasie hat Pause.

Doch wir leben es unseren Kindern vor: Das Fernsehgerät ist der Versammlungsort des Familienlebens, meist sogar der architektonisch eingerichtete Mittelpunkt des Wohnzimmers. Hinzu kommt, dass heutzutage diese Stellung mit anderen Medien und Bildschirmen geteilt werden muss. Papa sitzt stundenlang vor dem Laptop, Mutti hängt am IPhone, Sohnemann daddelt auf der portablen Spielekonsole. Leider ist dieses moderne Medienverhalten der Gesamtfamilie bislang kaum wissenschaftlich untersucht. Wie steht es dann mit der vogelebten Vorbildfunktion? Denn Children see – children do!

Was wird dann aus der Fantasie von diesen Kindern, wenn sie ihre Vorbilder nachahmen und vor dem Bildschirmen sitzen? Es ist der Schein, dass auf dem Bildschirm alles perfekt und unterhaltsam wirkt, die heile Welt vorgespielt wird, Konflikte am Ende immer ausgeräumt werden und ein ideales Leben suggeriert wird. Kinder wissen nicht welch hoher Aufwand betrieben wird Sendungen zu konzipieren. Sie wissen nicht, dass alles eine Kulisse in einem Studiokomplex ist, die Gespräche und Abläufe vorgeschrieben sind und alle bunten Bilder nachbearbeitet, geschnitten und ästhetisiert sind. Wenn sie hingegen ihre eigene Umwelt, vor allem ihre eigenen Hervorbringungen (Geburtstagsfeiern/Bastelarbeiten/Malbilder), mit dem vergleichen, was sie im TV gezeigt bekommen, scheinen sie ganz schlecht abzuschneiden. Die Erkenntnis, der eigenen Armseeligkeit (und die der Eltern) hinterlässt ein Gefühl der Resignation und führt dazu, dass Kinder mit selbst fabrizierten Dingen und realen Ereignissen nicht mehr zufrieden sind.

Wenn Kinder nun sehr früh mit dem Konsum vorfabrizierter ästhetisierter Bildersequenzen beginnen, bekommt die Fantasie Probleme, sich überhaupt zu entwickeln. Anstatt Eigenes zu produzieren, reproduzieren sie eher das, was sie im Fernsehen gesehen haben. Solchen Kindern erwächst kein Vertrauen in die eigene Schöpferkraft und sie werden auch im späteren Leben bevorzugt auf das zurückgreifen, was andere ihnen liefern.

Die Studien über den positiven Lerneffekt audiovisueller Medien können als kontrovers angesehen werden. Zum Einen kamen 2 neuere Studien ( Zimmermann 2007 , Robb 2009 ) zu dem Ergebnis, dass Lernvideos kaum positive Wirkung auf kognitive Fähigkeiten haben. Eine Meta-Review aus über 12 Studien resumierte, dass TV-Konsum bei über 3-Jährigen durchaus zu einer Wissensvermehrung führen kann, aber was für ein Wissen dann übermittelt wird, ist ein zweischneidiges Schwert.

Die negativen Folgen, die ausufernder Medienkonsum hat, sind gut belegt: Fakt ist, es wird sich vor dem Fernsehgerät wenig bewegt, die Gefahr der Dickleibigkeit ist also erhöht, auch wurde eine damit verbundene negative Körperbeherrschung, was Bewegungsabläufe und Gleichgewicht betrifft. Ebenso sinkt die Spiellust, selbst wenn die Kiste nur im Hintergrund rauscht, wird auch die Sprachentwicklung negativ beeinflusst.

Es herrscht breite Einigkeit darüber, dass das mediale Überangebot eine Medienkompetenz verlangt – einen richtigen Umgang mit den Medien und reflexives Verhalten. Stellen Sie ihr Kind bitte nicht einfach vor die Flimmerkiste ab – Ansonsten können wir getrost Postmans Worten folgen, dass wir uns irgendwann zu Tode amüsieren und die nachkommenenden Generationen verblöden.

Weiterlesen
Medienkompetenz als Schulfach? – www.hdm-stuttgart.de
Der Einfluss des Fernsehens auf die geistige und emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – Werner Stangl
Kinder und Fernsehen – über den richtigen Umgang – Evelyne Muck
Fernsehen macht Kinder dumm – medizinauskunft.de
medienbewusst.de – kinder. medien. kompetenz.

1 Kommentar

  1. Sehr guter Artikel. Da bin ich ja froh, dass ich als kleines Kind immer die Frauen in 90er Jahre Trainigsanzügen beim Work-out auf’m Ersten Programm nach gemacht hab 😀

    Aber dass es schon extra Sendungen für Kinder unter 5 Jahren gibt, hat mich auch sehr erstaunt. Die Philosophie „Aktives Spielzeug macht passive Kinder“ ist darauf durchaus übertragbar.

    Man sollte den Fernseher einfach ganz rausschmeißen, so dass das Kind selbstbewusst sagen kann „Wir haben keinen Fernseher“, wenn es von seinen „DSDS“ und „GNTM“ verblendeten Schulkameraden gehänselt wird, weil es sich den Müll nicht reingezogen hat. 😉

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