Bewusstsein – Weshalb weiß ich, dass ich weiß, dass ich denke?

„Wir sind die Letzten, die erfahren, was unser Gehirn vor hat!“(Psychologe und Hirnforscher Michael Gazzaniga)

Die Menschen begreifen sich selbst als ein, wie Kant es ausdrückte, „Selbstbestimmtes Wesen“, sodass eine geistige immaterielle Ebene immer die Ursache für eine Handlung ist. Ihre Identität und Ihr Ich sind unantastbar, subjektiv und einzigartig. Das Selbstbestimmte und Selbstentscheidende -„Ich“- regiert über Wollen und Handlung, bedient sich allenfalls der neuronalen Prozesse bei der Entscheidungsfindung und gilt per se als frei. So meint es jeder von sich, bzw. fühlt es! Die Hirnforscher revidieren dies und meinen, man solle sich von dieser Illusion verabschieden.

Aus neurobiologische Perspektive ist man der Meinung, dass Handlungen nach einem abgespeicherten Muster, hauptsächlich unbewusst, ablaufen und man somit nicht von einem freien und starken Willen im „kantschen Sinn“ sprechen kann. Das rationale Ich sei nicht die Instanz, die das Handeln steuere. Wie kann ich dann wissen,wer ich bin, warum ich handle und wieso weiß ich überhaupt, das ich weiß, dass ich gerade denke?

Was ist das Bewusstsein – Wie und wo entsteht es?

Das Gehirn vermag uns erstaunlich viele Dinge vorzugaukeln. So empfinden wir uns und unser Ich als selbstverständlich, als unteilbare Einheit, sodass es man es als normal empfindet und gar nicht hinterfragt. Forscher fanden überraschender Weise heraus, dass mehrere Ich-Formen existieren und temporär in einer Vielfalt auftreten können. Unser Ich ist ein geschickt zusammengesetztes Konstrukt aus verschiedenen Ichs- oder Bewusstseinszuständen.

  • Wahrnehmung von Umwelt und deren Vorgängen und dem eigenen Körper (Sinne/Gefühl)
  • Mentale Zustände (Denken/Erinnern/Vorstellen)
  • Bedürfnisse (Emotionen/Affekte/Automatismen/Triebe)
  • Meinigkeit des eigenen Körpers (Körpergefühl)
  • Autorschaft und Kontrolle der eigenen Gedanken und Handlungen (Rationalität/Rollenspiel)
  • Unterscheidung zwischen Realität und Vorstellung
  • Selbstreflexive Ich (Selbstreflektion des Selbst)
Raab/Gernsheimer/Schindler (2009) S. 278
Raab/Gernsheimer/Schindler (2009) S. 278

Jeder dieser Ich-Zustände kann unabhängig voneinander ausfallen, ohne die anderen Zustände zu beeinträchtigen. Die Zustände sind im Dauerwechsel, unbeachtet, autonom, ein Auf und Ab. Dass wir diesen ständigen Wechsel von Zuständen nicht mitbekommen und als normal empfinden, weder als Bruch oder Gemütsänderung realisieren, liegt an der einmaligen Fähigkeit des Hirns, dies in eine nahtlose Geschichte des eigenen Ichs zu verwandeln.

Vergleichbar ist dieser Vorgang mit einem Film. Durch Schnitte in verschiedene Szenen aufgesplittet, wechseln dort ständig die Bilder und Perspektiven rasant, parallele Handlungen,verflochtene Gegebenheiten, verschiedene Personen und doch schaffen wir es, dank der Fähigkeit des Gehirns, ohne große Probleme diese Bildfolgen in eine geschlossene Handlung zu bringen.

In unserem Gehirn besteht ständig Wettbewerb zwischen dem Ich-Bewusstsein und dem Einwirken der äußeren Einflüsse. So ringen fortlaufend die Informationen über uns Selbst und unserer Umwelt um Aufmerksamkeit. Der Kampf um die Gunst unseres Bewusstseins, unserer bewussten Wahrnehmung.

Zusätzlich muss das Gehirn im Millisekundenbereich die Informationen, die über unsere Sinnesorgane aufgenommen werden, verarbeiten. Um das zu schaffen, dringt nur ein Bruchteil von dem, was wir eigentlich wahrnehmen, zu unserem Bewusstsein vor. Das Hirn arbeitet dabei sehr effektiv und nimmt, nicht alles mit der gleichen Intensität auf. So wird auch jede Information immer erst vom Unterbewusstsein eingeordnet und komprimiert. Das Gehirn bildet automatisch und blitzschnell eine effiziente selektive Auswahl und erzeugt dadurch im Allgemeinen die subjektive Identität im Bewusstsein. Jeder sieht die Welt mit seiner subjektiven Sichtweise.

Die Netzwerke des Hirns

Nervenzellen sind verbundene Netzwerke, die sich zusammenschließen und rhythmisch aktiv werden, sich in sekundenbruchteilen synchronisieren – elektrische Signale, die im Gleichtakt Empfinden, Gedanken und Vorstellungen kreieren und auch Realität und Bewusstsein erschaffen.

Doch konstruieren wir Menschen diese Realität aus nur aus einen kleinen Spektrum von Sinnessignalen, die wir verarbeiten können – unser Gehirn ist dabei derart effektiv, dass man schnell auf den Gedanken kommen könnte, vieles sei illusionär. Wir nutzen Vorwissen, mit dem uns die Evolution ausgestattet hat und das im Gehirn gespeichert ist. Wir konstruieren uns unsere Wahrnehmungen, indem wir Sinnessignale mit diesem Vorwissen abgleichen. Ist das Leben dann Illusion? Forscher sagen, teilweise schon.

Vom Reiz zur Empfindung

Wie effektiv das Hirn arbeitet sagt allein schon die Reizwahrnehmung am Beispiel des Auges aus. Da die Kapazität des Bewusstseins begrenzt ist, muss es stark vereinfachen. Pro Sekunde treffen rund 11 Milliarden Lichtsignale auf die Netzhaut des Auges. Davon werden 6 Millionen vom Sehnerv weitergeleitet und 10 000 Bits gelangen zur Sehrinde, wo die Signale vereinfacht weiterverarbeitet werden. Am Ende gelangen dann von den 11 Milliarden Bits nur wenige Bits pro Sekunde als visuelle Empfindung im Bewusstsein an. Der Rest wird illusioniert, mit Erfahrungen abgeglichen und automatisch vervollständigt. So formt sich dann bei bekannten Räumlichkeiten die Empfindung der Vertrautheit, oder bei fremdem Umgebungen die Unsicherheit und Unbehagen.

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Scheier/Held (2006) Pilot/Autopilot S. 61

So fanden Neuroforscher heraus, dass ein Sinnesreiz (Geräusch/Berührung) bereits nach 5 Sekunden unserem Erinnerungsvermögen entfällt, wenn dieser unsere Aufmerksamkeit nicht intensiv erregt. Das Bewusstsein fokussiert sich stets auf das, was für das subjektive Ich von Belang und von Bedeutung ist. Dabei gilt die Formel, je aufmerksamer wir sind, desto enger der Fokus und desto intensiver das Bewusstsein. So kann sich der Mensch viel besser an Situationen erinnern, die wir bei voller Konzentration wahrgenommen haben.

Entstehung des Ich-Bewusstsein und das Embodyment

Am Anfang können Babys noch nicht zwischen dem Ich und dem Anderen unterscheiden. Sie agieren, hilflos wirkend, rein umweltbezogen und sie würden sich noch nicht im Spiegel erkennen. Die Babys beginnen die Hände zu bewegen und spüren Ihren Körper – sie fangen an zu verstehen, dass sie selbst kontrollieren können. So realisieren sie auch, dass Sie mittels Augen nur das von der Welt wahrnehmen, was sie wollen und fokussieren. Auf diese Weise entsteht nach und nach das Bewusstsein und von der Außenwelt abgegrenzt zu sein – Die „Ich-Findung“ – nun wissen Sie, dass Sie es sind, die da in den Spiegel schauen – diese erste Ich – Ausprägung, welche natürlich immer individuell ist, da jedes Kind andere Umgebungs- und Erziehungserfahrungen macht.
Doch genau diese unveränderliche Konstante – „das Ich“ und warum mich auch niemand mit einem Anderem verwechselt, oder wo „das Ich-Bewusstsein“ zu verorten ist, welche neuronalen Prozesse das Bewusstsein hervorbringen, ist immer noch das größte Problem der neurologischen Forschung.

Rein anatomisch gesehen gibt es diesen gesuchten Ort des Ichs nicht. Das bewusste Denken verteilt sich hauptsächlich auf die Großhirnrinde (Kortex). In diesem Neuronennetz herrscht ein ununterbrochener Austausch von Botschaften – ein ständiges Senden und Empfangen von elektrischen Signalen in einen riesigen Neuronennetz. Der Großteil dieser Kommunikation läuft unterbewusst ab. Wie es jeder vom Träumen kennt, arbeiten die Neurone sogar im Tiefschlaf und arbeiten ständig.

Wenn wir ein Buch aufschlagen und beginnen ein Wort lesen, schließen sich Verbände von Neuronen in den dafür zuständigen Hirnbereichen zusammen und senden exakt im gleichen Rhythmus elektrische Signale aus. Dabei synchronisieren sich mehrere Millionen Neuronen zusammen, die dann im Gleichtakt die Signale ausstrahlen, welche das Bewusstsein interpretiert, mit dem derzeitigen Umgebungsfaktoren und Emotionen bewertet und schließlich in einem komplexen Prozess ins Bewusstsein ruft, zudem Hormone ausschüttet, um etwaige Handlungen auszuführen.

Unbewusste Konflikte begleiten uns ein Leben lang!

Ohne das Unterbewusstsein wären wir handlungsunfähig, lebensunfähig. Es umfasst nicht nur unsere Triebe, Wünsche und Bedürfnisse, sondern sämtliche Prozesse im Hirn.

  • alle Erinnerungen, die dem Bewusstsein nur teilweise zugänglich sind (Vergessenes/Verdrängtes)
  • unbewusste Lernvorgänge (Nachahmung/Konditionierung)
  • unbewusste Wahrnehmung von Sinnen (alle Sinnesreize werden zuerst im Unterbewusstsein verrarbeitet, dann bewusst)
  • automatisierte Verhaltensweisen
  • unbewusste Erkenntnisvermögen (Lösungswege/Erfindungen)
  • unbewusste Beurteilung des sozialen Umfelds (Sympathie/Apathie gegenüber Mitmenschen)
  • Kern der Persönlichkeit (Wesenszüge die seit der Kindheit geprägt wurden)

Forscher gehen auch davon aus, dass alle Ideen, Ziele, Motive, der kreative Akt, Vorstellungen von Welt und dem Selbst im Unterbewusstsein entstehen. Allein die Leistungsfähigkeit des Unterbewusstseins übersteigt die Leistung des Bewusstseins um das Hundertausendfache.

Das Unterbewusstsein und die Psychodynamik

Schon im Mutterbauch beginnt die Prägung des Ichs. Es wirken auf dem Embryo, seit dem Inkraftreten der Schaltzentrale im Kopf, jegliche, von außen zu Ihm vordringende, ersten Eindrücke auf Ihn ein. So soll wohl allein die Musikbeschallung des Mutterbauchs förderlich sein – wenn möglich kein Techno. Erschütterungen, Umgebungsänderungen, sogar Streits werden vom Embryo wahrgenommen. Nach der Geburt der erste Atemzug, der erste automatisierte Prozess, genau wie das schreien. Und schon ist da ein Gesicht was ständig bei Ihm ist, mit Mimiken und liebevoller Handlungen zeigt, hier bist du in Sicherheit.
Diese frühen Erkenntnisse und die folgenden, verankern sich sehr tief und stellen unbewusstes Wissen her. So speichert ein Kind jede Zuwendung oder Ablehnung, jeden aufmerksamen Blick, jede Geste, verarbeitet Trauer, Qual und Einsamkeit, Nähe und Glück. Feuer ist heiß, Messer sind scharf und hinfallen tut weh folgen bald. Wie Menschen miteinander Umgehen, Verhaltensweisen, wie sich Beziehungen gestalten formt sich in der Ära des Unbewussten, die Kindheit. Da fragt man sich glatt, sind wir gute Vorbilder?
Auf dieser unbewussten Konditionierung, folgt darauf die dementsprechende Imitation und Automatisierung von Erfahrungen im Lebensraum und in der Gesellschaft. Bis man 11-12 Jahre alt ist, so die allgemein verbreitete Vermutung,fängt das „Ich“ an, sein Handeln, Erfahrungen und die Umwelt zu reflektieren, bildet eigene Werte und Moroalvorstellungen aus und passt sich mitunter sozialen Gruppen an – beim Heranwachsen sind es die Erfahrungen die prägend sind und den Charackter formen, so auch jeden Menschen jeden Tag.

Orientieren uns:

Positioniern uns:

Und Emotionen sind dabei die größte Triebfeder, da sie am Ende eines jeden neuronalen Entscheidungsprozess stehen. Sie sind komplexe, mitunter genetisch veranlagte Verhaltensmuster, um Anpassungsprobleme zu lösen und dem Individuum ein schnelles und der Situation adäquates Handeln zu ermöglichen. Ein Gefühl bezieht sich dabei auf das Erleben, etwa wenn jemand sagt, er habe Angst, eine Emotion aber ist globaler, tiefer und schließt neben dem Gefühl auch einen körperlichen Zustand und den „Ausdruck“ ein.

Die emotionale Konditionierung im ältesten Teils unserem Gehirns, das limbische System (Emotionskreislauf), setzt schon ein, noch bevor das Baby überhaupt das Licht der Welt erblickt. Leidet eine Schwangere an Depressionen, so beeinflusst allein des dadurch ausgeschütteten Cortisols, die spätere Entwicklung des Kindes. Es entstehen schon früh „unbewusste Konflikte“ die das Leben des Kindes nachhaltig beeinflussen.

So ist die unbewusste Macht auch Weltmeister im Verdrängen von traumatischen Ereignissen. Erlebt man Unerträgliches wird es derart „vergessen“, dass eine Amnesie eintreten kann.

Wir wissen es nicht!

Sind es nun die Basalganglien die jede Art von Handlung vorbereiten (Ort des Bereitschaftspotentials), bei der „wir das Gefühl haben“, wir hätten sie gewollt. In Wahrheit ist der eigentliche „Steuermann“ das limbische System (Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten), das die Basalganglien kontrolliert. Es gibt kein rationales Handeln und kein immateriellen Willen, es gibt nur ein unbewusstes emotionales Für und Wider, abgeglichen mit den jeweiligen subjetiven Erfahrungen und konditionierte Werte- und Moralvorstellungen. Aber das riesige Zusammenspiel im Hirn, was einen Orchester gleicht, begreift die Hirnforschung noch nicht.

Vermutlich ist es unserem Bewusstsein einfach unmöglich, sich selbst im Kern zu begreifen. So ist sich dem menschlichen Bewusstsein sogar seiner Grenzen bewusst. Man denke da nur an die Zahl Null, die Beschreibung von Nichts, oder an die Unendlichkeit des Alls.

„Das schönste Glück des denkenden Menschen ist es, das Erforschliche erforscht zuhaben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ Goethe

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