Wachstum oder Stillstand?

Ein wunderbarer Artikel in „Die Zeit“ No.39 vom 23.10.10 von Petra Prinzler und Fritz Vorholz mit dem Titel: „Sind das Spinner? Wachstum muss sein, heißt es stets. Doch auf einmal wird Skepsis laut – sogar in der Politik“, hat mich gefesselt. WACHSTUM, ein Begriff, den die Kanzlerin nicht oft genug über ihre Lippen ausposaunt. Ist Wachstum nicht ein Irrglaube? Schon Sozialethiker & Ökonom Friedhelm Hengsbach meinte, „Rein monetäres Wachstum ist fragwürdig, dieses Wachstum wird bezahlt mit einem Riss in der Gesellschaft.“

Die meisten Ökonomen gehen von dem wirtschafltichen Bild aus: Kein Wachstum, keine neuen Jobs, keine zusätzlichen Aufträge, der Staat kann seine Schulden nicht zurückzahlen, keine Rente, keine Gesundheitsvorsorge, keine Pflegeleistungen etc. Nichts würde sich mehr finanzieren lassen. Richtig oder Falsch? Dazu ein Beispiel vorweg – Herr Rossol, Leiter einer IT-Beratungsfirma und erfolgreicher Unternehmer, lässt kein Wachstum in seiner Firma zu. 5 Mitarbeiter und volle Auftragsbücher, sodass sogar Aufträge an befreundete Unternehmer weitergeleitet werden müssen. Aber er expandiert nicht?

Jetzt werden viele sagen: „Dann gibts ja kein Gewinnwachstum, hahaa Blödmann!“ Aber doch! Der gute Herr Rossol senkt stattdessen die Kosten. Er ist als Kostensenker so erfolgreich, dass die Gehälter seit 15 Jahren steigen. „Wachstum ist nicht mehr zeitgemäß“, meint er. Denn die Lebensqualität steigt nicht etwa, nur weil die Wirtschaft wächst. Viele bekommen von diesem, heute in den Medien hochgebauschten, „Wachstum“ garnichts ab, gerade nicht die Arbeiter, die diese Maschinerie überhaupt im Gang halten. Ebenso zeigen sich mehr die Gefahren für Banker, Unternehmer und Politiker, was man in der Finanzkrise ausreichend erleben durfte.

Perspektivisch muss man sich von traditioneller Wachstumsgläubigkeit lösen, weil genau das die Welt in eine Sackgasse führt. Umdenken und kreativ handeln ist die Devise. „Weniger ist manchmal mehr!“ Blos keiner will gerne auf etwas verzichten? Die Skepsis an dem heutigen krankhaft-kapitalistischen Modell ist doch nur verständlich – Es zerstört die Umwelt, die globalen Ressourcen und die Gesellschaft. Nicht umsonst beschäftigt sich nun eine ins Leben gerufende Kommission des Bundestages mit dem Thema: Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität. Es wird heiß diskutiert werden, wartet mal ab 😉

Stürzt eine Welt ohne Wachstum ins Chaos? 1972 demonstrierte der amerikanische Ökonom Meadows mit einen Computermodell ein Wachstumsszenario. „Würde die Wirtschaft weiter so viele Ressourcen verbrauchen und die Weltbevölkerung weiter so wachsen, dann würden wir spätestens 2100 ohne Rohstoffe dastehen und die Wirtschaft würde kollabieren“. „Auch müssen wir lernen weniger zu konsumieren!“ Ein Schock für die materialistische Welt!

Aber hey, was haben wir seither geschafft? Dazu Die Zeit: „200 Millionen Menschen entkamen den Hunger, in vielen Ländern haben mehr Menschen mehr zu essen und zu trinken, sind gesünder und gebildeter. Es ist etwas angekommen vom Wachstum, bei den Armen weniger, bei den Reichen mehr – aber immerhin.“ Abgesehen von den umwelttechnischen Gesichtsschlägen wie der Öl- und Plastikkultur, Ausbeutung von Arbeitern etc. (um nur mal 3 zu nennen), entstand dabei sehr viel „Wohlstandsmüll“. Täglich sterben 100 Arten aus, 20 000 Hektar Ackerland wird zerstört, 50 000 Hektar Wald abgeholzt und die Meere sind mehr und mehr überfischt. Man muss halt einen Preis für Wohlstand und Wachstum zahlen, auch wenn man sich die eigene Grundlage unter den Füßen wegreißt! Ökologisch gesehen leben wir auf Pump (typisch kapitalistisch :)) und das natürliche Kapital der Erde wird im großen Stil vernichtet. Ergo ist Wachstumswirtschaft = Misswirtschaft?!

Selbst Keynes, der Vordenker aller Ökonomen, war sich bewusst, dass sich in absehbarer Zeit eine „gesättigte Wirtschaft“ bildet, die kaum mehr wächst, ohne daran zugrunde zu gehen. (bestes Beispiel Japan) Tja, das Grundproblem ist die Geldwirtschaft, denn die verursacht Wachstumszwang und Wachstumsdrang. Warum muss Deutschland, Usa etc. denn überhaupt immer nur wachsen? Richtig! Aufgrund der Gläubiger und Banken, denn die können schier unbegrenzt Geld schöpfen, in dem sie den Kunden zusätzliche Kredite gewähren. Ihre unglaublichen Kredite, verursachen unglaublich hohe Zinsen, die natürlich zurückgezahlt werden müssen und somit muss aus den Krediten ein Plus im Sozialprodukt gemacht werden, egal wie. Dann möchten die Teilhaber natürlich noch, dass auch größtmöglicher Profit herausspringt, gehen an die Börse und spielen auf dem Immobilienmarkt. Der Ökonom Binswanger meint: „…die sich kumulierende ökonomische und ökologische Verschuldung muss rechtzeitig gebremst werden!“

Nun stellt sich die Frage wie man so etwas überhaupt messen kann. Stimmt Wachstum bzw. Leistung misst man heute am BIP. Der BIP spiegelt aber nicht den Wohlstand der Nationen wieder. Sollte die wirtschafltiche Leistung und der gesellschaftliche Fortschritt nicht anders gemessen werden? Dadurch könnte eine andere Politik entstehen. „Der Planet werde sich durch kluge, neue Technik, durch klügere Konsumenten und bessere Politiker retten lassen. (…) schliesslich konnte die globale Wirtschaft im Jahr 2007 dasselbe wie 1980 mit einem Viertel weniger Materialeinsatz erzeugen“, so die Zeit.

Ergo lieber Kosten sparen als immer nur auf Wachstum setzen. Harald Rossol meint:

„Der Verzicht auf Wachstum sei der einzige Weg unsere Welt noch zu retten. (…) Ein Problem zu lösen fängt mit der Erkenntnis an, dass es eins gibt.“

Aber solang es Manager wie Hennig Kagermann (Manager von SAP) sind, die Sätze loslassen wie: „Mehr Wachstum bekommen wir nur hin, wenn wir ohne Lohnausgleich wieder mehr arbeiten. Es ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, wenn ein top ausgebildeter Ingenieur nur 38 Stunden pro Woche arbeitet.“ Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn der Mensch mit Maschinen oder Krebs verglichen wird. Denn auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben.

„Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.“

Edward Abbey (*29.01.1927-†14.03.1989), amerik. Schriftsteller“

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