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„Moderne Liebe“ und der gemachte Gesellschaftscharakter des freien Marktes |

„Moderne Liebe“ und der gemachte Gesellschaftscharakter des freien Marktes

Um zu beweisen, dass der Kapitalismus den natürlichen Bedürfnissen des Menschen entspricht, musste man nachweisen, dass der Mensch von Natur aus auf Wettbewerb eingestellt und einer des anderen Feind ist. Während die Nationalökonomen dies mit dem unersättlichen Streben nach wirtschaftlichem Gewinn »bewiesen« und die Darwinisten es mit dem biologischen Gesetz vom Überleben des Tüchtigsten begründeten, kam Freud zum gleichen Resultat aufgrund der Annahme, dass der Mann von dem unstillbaren Verlangen erfüllt sei, alle Frauen sexuell zu erobern, und dass ihn nur der Druck und die Normen der Gesellschaft davon abhalte. Die Folge war seiner Auffassung nach, dass die Männer aufeinander eifersüchtig sein müssten, und er nahm an, dass diese gegenseitige Eifersucht und der Konkurrenzkampf selbst dann noch fortbestehen würden, wenn alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründe dafür verschwunden wären.

So stellt Freud fest, „Liebe, Haß, Ehrgeiz und Eifersucht sind sämtlich Produkte der verschiedenen Formen des Sexualtriebs.“

Was Freud nicht erkennt, dass die grundlegende Wirklichkeit, die Totalität der menschlichen Existenz, durch die Gesamtsituation aller Menschen auf der Erde, diese Gemeinsamkeit die „menschliche Situation“ definiert, und durch die Lebenspraxis bestimmt ist, die ihrerseits durch die spezifische Struktur der Gesellschaft geprägt und determiniert ist.

In einem System wo das Gegeneinander herrscht, Egoismus die Menschen prägt, die Ellenbogengesellschaft vorherrscht, Geld den Neid, die Gier, Ausbeutung schürt, die Medien stets spalten, differenzieren, Hass und Angst verbreiten – kann keine Nächstenliebe, keine eigentliche Liebe entstehen.

Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet. Während aber jeder versucht, den übrigen so nahe wie möglich zu sein, bleibt er doch völlig allein und hat ein tiefes Gefühl der Unsicherheit, Angst und Schuld, wie es immer dann entsteht, wenn der Mensch sein Getrenntsein nicht zu überwinden vermag.

Unsere Zivilisation verfügt über viele Betäubungsmittel, die den Leuten helfen, sich ihres Alleinseins nicht bewusst zu werden: Da ist vor allem die strenge Routine der bürokratischen, mechanischen Arbeit, die verhindern hilft, dass sich die Menschen ihres tiefsten Bedürfnisses, des Verlangens nach Transzendenz und Einheit, bewusst werden. Da die Arbeitsroutine hierzu nicht ausreicht, überwindet der Mensch seine unbewusste Verzweiflung durch die Routine des Vergnügens, durch den passiven Konsum von Tönen und Bildern, wie sie ihm die Vergnügungsindustrie bietet; außerdem durch die Befriedigung, ständig neue Dinge zu kaufen und diese bald wieder gegen andere auszuwechseln. Der moderne Mensch kommt tatsächlich dem Bild nahe, das Aldous Huxley in seinem Roman Brave New World (1946) beschreibt: Er ist gut genährt, gut gekleidet und sexuell befriedigt, aber ohne Selbst und steht nur in einem höchst oberflächlichen Kontakt mit seinen Mitmenschen.

Heutzutage ist jeder glücklich – des Menschen Glück besteht heute darin, »seinen Spaß zu haben«. Und man hat seinen Spaß, wenn man sich Gebrauchsgüter, Bilder, Essen, Trinken, Zigaretten, Menschen, Zeitschriften, Bücher und Filme »einverleibt«, indem man alles konsumiert, kauft, verschlingt. So meinte schon Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode“, denn Freude ist meist auch nur ein Mangel an Information.

Die Welt ist nur noch da zur Befriedigung unserer Bedürfnisse, so warten wir ewig auf etwas, hoffen ewig auf etwas und werden ewig enttäuscht werden.

Unser Charakter ist darauf eingestellt zu tauschen und Dinge in Empfang zu nehmen, zu handeln und zu konsumieren. Alles und jedes – geistige wie materielle Dinge – wird zu Objekten des Tausches und des Konsums. Wie nicht anders zu erwarten, ist auch die Liebe vom Gesellschafts-Charakter des modernen Menschen geprägt. Automaten können nicht lieben, sie tauschen ihre persönlichen Vorzüge aus und hoffen auf ein faires Geschäft. Doch denkt der Mensch im Charakter des Kapitalismus, dass Jeder nur betrügt. (Gefangenendilemma)

Rationale und kalkulierende Geschöpfe, die mittlerweile von der Wissenschaft mittels Zahlen analysiert, verstanden und organisiert werden. Wir denken wir leben in Freiheit, doch ist es genau das Gegenteil davon.

Zum Thema grundlegend -> Wie wir zu der Gesellschaft des Freien Marktes erzogen wurden:
Dazu die englischsprachige Dokumentation BBC von Adam Curtis „The Trap – What happend to our dream of freedom“

Teil 2 – „The lonely robot“

 

Teil 1 – „Fuck you Buddy“
Teil 3 – „We will force you to be free“

So sah unter Anderem der Mathematiker Nash den Menschen als ein ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachtes, stets taktisch und strategisch agierendes Wesen und ging von der Natürlichkeit und Allgemeingültigkeit seiner eigenen Annahme aus. Er entwickelte die “game theory” zu einem Gesellschaftsmodell freier Individuen, in der durch Misstrauen und Selbstsucht eine besonderen Art von “Equilibrium“ erzeugt werde – der Zustand des harmonischen Gleichgewichts einer Gesellschaft aus Spielern, letztlich Kriegsgegnern, die nur deshalb funktionierte, weil alle Spieler ausschließlich selbstsüchtige Zwecke verfolgten und konsequent nicht nur ihre Gegner, sondern auch alle vermeintlichen Partner betrogen.

Weiterlesen: Wie das Menschenbild und die Psychologie des Kapitalismus erschaffen wurde Beitrag zu der preisgekrönten BBC Doku „The Trap“ von Radio Utopie

Die menschlichen Beziehungen sind im Wesentlichen die von entfremdeten Automaten. Selbst die Liebe ist mitunter in eine rationale Habens- und Besitzstruktur übergegangen, sobald Materialismus und Einkommen geteilt wird und der Zahn der Zeit die Partnerschafft in Beziehung zum Alltag, ein Nebeneinanderher, teilweise sogar ein Gegeneinander, anstatt zu einem Miteinander avanciert. Vom öffentlichen Leben möcht ich garnicht anfangen zu schreiben, da es dort schon beinahe zum verachtenen, teilnahmslosen, Miteinander verkommen ist, wo man sich in seinem mikrokosmischen Umfeld bewegt und man „Andere“ die nicht zu seinem eigenen Sozialisationskreis gehören, eher missachtet, mit Scheuklappen aneinander vorbei funktioniert.

Kurzum der Verfall der Liebe in der modernen westlichen Gesellschaft? Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Liebe als gegenseitige sexuelle Befriedigung und die Liebe als »Teamwork« und schützender Hafen vor der Einsamkeit darstellt. Sie stellen die gesellschaftlich bedingte Pathologie der Liebe dar. Es gibt viele individuelle Formen pathologischer Liebe, die dazu führen, dass die Betreffenden bewusst leiden und als neurotisch angesehen werden. Wie oft hört man Menschen sagen, mein(e) Ex war psychopathisch, oder besser, sich selbst noch als beziehungsunfähig und gestört zu beschreiben.

Liebe und Hass liegen halt sehr nah beieinander.

(nach Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“)

1 Comment

  1. Johnny -  27. Januar 2013 - 19:42

    Interessanter Artikel, aber Nash dafür heranzuziehen, ist doch eine starke Abwertung seiner Leistungen. Auch wenn er seinen Nobelpreis für die Arbeiten in der nicht-kooperativen Spieltheorie verliehen bekommen hat, werden doch seine Leistungen besonders auf dem Gebiet der kooperativen Spieltheorie von heutigen Mathematikern und Wirtschaftswissenschaftler als weitaus höher angesehen.

    Und so kann man sicher auch das Konstrukt einer Partnerschaft/Beziehung eher mit der kooperativen Spieltheorie erklären, als mit dem geliebten Beispiel des Gefangenendilemmas der nicht-kooperativen Spieltheorie zu postulieren, dass es keine „wirkliche Liebe“ in einer kapitalistischen Gesellschaft geben kann.

    Eben durch die Partnerschaft/Beziehung begeben sich die „Spieler“ in eine Nash-Verhandlungslösung, welche ihnen erst ermöglicht einen zusätzlichen Gewinn aus der Partnerschaft (stellt in dieser Situation eine Art gesellschaftlich akzeptierten Vertrag dar) zu schöpfen und somit einen höheren Nutzen zu generien, der eben nicht durch nicht-kooperatives Verhalten erzeugt werden kann.

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