Für ein sozialeres Europa

Foto: arbeiterfotografie.com

Foto: arbeiterfotografie.com

Ein sehr schöner Artikel von Joachim Sondern auf Bürgerstimme.com. Ich habe mir mal erlaubt den ganzen Artikel zu kopieren, da er sehr zeitgenössisch und aufschlussreich ist:

Arbeit und Ausbeutung – soziales Europa der Menschen

„In Frankreich wurde monatelang energisch gegen die neue Rentenreform protestiert. Präsident Nicolas Sarkozy stellte sich gegen die Bürger seines Landes und setzte sich dafür ein, dass das Renteneintrittsalter von 60 Jahren auf 62 Jahren erhöht wird. Senat und Nationalversammlung werden diese Woche die neue Rentenreform verabschieden. Zwar besteht noch die Möglichkeit, dass die Opposition beim Verfassungsrat Beschwerde einlegt, doch wären die Erfolgschancen sehr gering, denn wer das politische Europa ein wenig genauer betrachtet, hat unlängst erkannt, dass Beschwerden sich meist in „Schall und Rauch“ auflösen, bzw. Regierung und Opposition sich doch einig werden.“

„In ganz Europa ist es unruhig geworden: Von Griechenland, über Lettland, Polen, Brüssel bis nach Spanien – überall protestieren die Völker gegen die nicht nachvollziehbaren Sparmaßnahmen, die sich aus der Weltwirtschaftkrise heraus ergeben haben. Zurecht, denn die Menschen in Europa mussten auch unfreiwillig den Bankenrettungen zustimmen, die nur durch Volksgelder realisiert werden konnten.“

Deutschland – Rente ab 67 und ein Leben für die Arbeit

Blicken wir nun einmal auf Deutschland, dem Land der Oberlehrer, wie es in anderen europäischen Ländern so schön heißt. Ein Vorurteil oder tatsächlich Realität? Wer objektiv auf Deutschland blickt, der wird erkennen, dass an dieser Aussage etwas Wahres dran ist: Die Deutschen haben die Eigenschaft, selbst untereinander, immer alles in Frage zu stellen, man will über dem Nachbarn stehen, über seine Freunde, an allem hat man etwas auszusetzen. Ein sich denunzierendes Volk kann kein Respekt erwarten von anderen Ländern.

Sicherlich sind die Bürger in Deutschland auch strebsam und gehen energisch ihren beruflichen Weg, nur hat darunter die menschliche Seele gelitten. Schnell zeigen manche Deutsche oft mit dem Finger auf andere Länder, wenn dort zu energisch protestiert wird, denn sie verstehen die Mentalität des europäischen Nachbarn meist nicht, entwickeln kein Verständnis, denn in Deutschland lebt man nach vorgegebener Industrienorm, da müssen die menschlichen Emotionen schon mal ein Leben lang hinten anstehen.

Dabei müsste man gerade in Deutschland erkennen, dass eine konstruktive, solidarische Haltung unabkömmlich ist, denn die Geschichte zeigte bereits, wo ein Weg ohne menschliche Haltung hinführen kann. Auch ist die Gegenwart geprägt von einer antihumanen Politik: Rente ab dem 67. Lebensjahr, vielleicht auch irgendwann erst ab dem 70 Lebensjahr, eine 45 Stunden Arbeitswoche, die laut dem Ökonomen Ulrich Blum zur Normalität wird. Außerdem könne ja ein Dachdecker mit 50 Jahren dann umschulen zu einem Altenpfleger, damit er einer leichteren Arbeit nachgehen kann. Eine solche Aussage kann doch nur ein schlechter Witz sein. Wer den Beruf des Altenpflegers kennt, der weiß, dass auch dies ein körperlich sehr anstrengender Beruf ist. Mit einem Sozialstaat hat dies alles nichts mehr zu tun. Mit dem Blick auf Deutschland wird nochmals deutlich, dass man sich den negativen Anfängen bereits entgegenstellen muss, so wie es die Franzosen tun. Mit 60 Jahren in Rente zu gehen, ist die absolute Höchstgrenze, denn wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch durchschnittlich 76 Jahre alt wird, dann wären das noch 16 Jahre, wofür er aber seit seinem 18. Lebensjahr gearbeitet hat im Optimalfall. Wir Menschen sind nicht auf der Welt, um für die Arbeit zu leben und dann direkt in den „Sarg“ zu fallen, sondern wir arbeiten, um zu leben. Wenn Menschen erst mit 67 in Rente gehen, sind sie meist von Krankheiten so gezeichnet, dass sie die letzten Tage im Alter gar nicht mehr genießen können. Während Blum zudem von 45 Stunden redet, ist in vielen Branchen längst eine 50-Stunden-Woche zur Realität geworden. In einem starken Wirtschaftssystem, was langfristig Bestand hätte, würden 35 Stunden in der Woche vollkommen ausreichen. Würden wir eine 35 Stunden-Woche umsetzen, dann würde sich ein neuer Wohlstand der Gesamtheit entwickeln, welcher auch auf die Gesundung der Menschen zurückzuführen wäre. Ökonomisch betrachtet würden mehr Arbeitsplätze und bessere Arbeitsbedingungen entstehen, human betrachtet, wäre die Gesamtheit gesünder, da mehr Zeit vorhanden wäre, um auf seinen Körper, auf seine Seele zu achten und für seine Familie da zu sein.

Wann legen die Deutschen endlich mal ihre arrogante, denunzierende Haltung ab und wachsen wieder zu einer Gemeinschaft zusammen? Wollen die Menschen in Deutschland sich immer weiter ausbeuten lassen? Nie sagt man ein Wort, Proteste lösen sich oft schon nach Stunden auf, der Frust wird dann eher an der eigenen Familie oder Mitmenschen ausgelassen. Unsere Gesellschaft ist hektisch und das, obwohl nach einer Forsa-Umfrage der Techniker-Krankenkasse sich 71% aller Männer und 68% aller Frauen mehr Zeit für ihre Familie wünschen. Warum macht man trotzdem noch eine Überstunde? Richtig, weil man Angst hat, dass ein anderer Mensch einem die Arbeitsstelle streitig macht. Uns steht keiner im Wege, nur wir selbst. In einer solidarischen Gemeinschaft wäre dies nicht möglich.

Europa am Wendepunkt?

Zweifelsohne befinden wir uns in einer Zeit der Umbrüche, und es liegt an uns, was wir daraus machen. In der Tat war es vorhersehbar, dass ein politische Europa nicht lange halten kann, wenn die Menschen untereinander sich fremd sind, und man nicht versucht, geschlossen für humane Werte einzustehen. Vorurteile sind ein Werkzeug, mit welchem man die Masse auf Kurs hält. Eingesetzt werden diese Strategien im konspirativen Sinne, sind aber dennoch offensichtlich, zumindest vom Wegesrand aus.

Vorurteile fallen lassen – für ein soziales, menschliches Europa

Genau diese Vorurteile gilt es fallen zu lassen. Wir müssen endlich einstehen für ein soziales, menschliches Europa. Die Probleme sind ähnlich und durch die Wirtschaftskrise in vielen Ländern inzwischen sogar gleich. Wir haben eine Währung, verschiedene Kulturen und so besteht die Notwendigkeit darin, eine gemeinsame Sprache zu finden, die der Menschlichkeit. Mit einer Geste, mit einem Blick, mit einer Tat kann man das Eis brechen. Oftmals behaupten Menschen, dass es schwer ist zu kommunizieren, wenn man die Sprache des Anderen nicht beherrscht. Worte können „Schall und Rauch“ sein, doch was wir füreinander tun, wie wir unser Dasein gestalten, das ist allgegenwärtig und wichtig, und diese Sprache kann ein jeder Mensch sprechen, gleich welcher Nation.

Ich schließe mit einem eigenen Zitat:

Vollbracht ein Großteil der Zeit im ewigen Vakuum, man hat sich ergeben, sich im Dienste gestellt der Tyrannei, oft gekniet vor Tyrannen Thron, so das man nicht mehr zu schätzen weiß, die Freiheit, die uns zum Handeln ermutigt, ganz ohne Schweiß.

Wer zum Nachtisch ein bissel mehr über „Europa heute“ essen möhte, kann ich noch ein wunderbaren Artikel von Heinz W. Schäfer und Karl C. Fischer empfehlen: „Europäische Verfassungen: Pest oder Cholera?“

Back to Top